Um 1855 war New York nach Berlin und Wien die drittgrößte deutschsprachige Stadt der Welt. Aus dieser Stadt kommt dieses Reych: 1894, im Jahr seiner Stiftung, war die deutsche Wanderung von der Lower East Side nach Brooklyn und Yorkville in vollem Gange. Diese Seite erzählt das deutsche New York — Kleindeutschland, den Untergang der General Slocum und den Weg nach Yorkville, wo die Burg der Brooklynia heute steht.
Kleindeutschland auf der Lower East Side
Allein in den 1850er Jahren zogen 800.000 Deutsche durch New York. Um 1855 hatte die Stadt die dritthöchste deutschsprachige Bevölkerung der Welt — nur Berlin und Wien lagen davor.
Das Viertel, in dem diese Menschen lebten, hieß Kleindeutschland. Es lag auf der Lower East Side und umfasste in seiner besten Zeit um 1870 rund vierhundert Häuserblocks. Die Nachbarschaft gab den Orten eigene Namen: Der Tompkins Square hieß der Weiße Garten, die Avenue B der deutsche Broadway.
Was ein solches Viertel zusammenhält, sind nicht die Häuser, sondern die Vereine. Gesangvereine, Schützenvereine, Theater und Biergärten standen in Kleindeutschland dicht an dicht — und zwei der Gesangvereine werden in der Geschichte dieses Reyches später wieder auftauchen: der Liederkranz, 1847 gegründet, und der Arion. In Häusern solcher Vereine hat die Brooklynia ihre Burgen gefunden, erst die Delphinburg, dann die Steubenburg.
Brooklyn: eine eigene Stadt und eine Bierstadt
Als die Brooklynia 1894 gestiftet wurde, lag sie nicht in New York. Brooklyn war eine eigenständige Stadt; erst am 1. Januar 1898 wurde es zusammen mit Teilen von Queens und Staten Island zur City of Greater New York zusammengeschlossen. Als das Reych 1897 sein Sanktionsfest feierte, lebte es also noch in einer anderen Stadt als heute.
Zwischen 1870 und 1900 verließ die zweite Generation die alten Mietshäuser Kleindeutschlands. Sie ging nach Brooklyn — vor allem nach Williamsburg — und nach Yorkville im Norden Manhattans. Genau in diese Bewegung hinein fällt die Gründung dieses Reyches.
Und Brooklyn war eine Bierstadt. In Bushwick, wo die Deutschen seit den 1840er Jahren die größte Gruppe bildeten, standen um 1890 vierzehn Brauereien in vierzehn Häuserblocks — die Brewer's Row. Sie trug dem Stadtteil den Beinamen Bierhauptstadt des Nordostens ein. Die letzten dieser Brauereien schlossen 1976.
Der 15. Juni 1904
Die St. Mark's Evangelical Lutheran Church hatte ihren siebzehnten Jahresausflug angesetzt und dafür den Raddampfer General Slocum gechartert. Über 1.300 Menschen waren an Bord, meist Frauen und Kinder.
Kurz nach der Abfahrt brach im Vorschiff Feuer aus. Rettungsboote und Schwimmwesten waren unbrauchbar. Schätzungsweise 1.021 Menschen starben. Es blieb die schwerste Katastrophe der Stadt New York bis zum 11. September 2001.
Gemessen an der Einwohnerzahl Kleindeutschlands war es etwa ein Prozent. Gemessen an dem, was ein Viertel trägt, war es sehr viel mehr: Es waren die Familien, die das Vereinsleben, die Kirchen und die Nachbarschaft zusammengehalten hatten. Kleindeutschland hat sich davon nicht mehr erholt.
Der Weg nach Yorkville — das zweite deutsche Viertel
Das Schiff brannte im East River auf der Höhe von Yorkville. Viele Hinterbliebene zogen darauf genau dorthin, um dem Ort nahe zu sein, an dem sie ihre Angehörigen verloren hatten.
So entstand an der Upper East Side ein zweites deutsches Viertel, das man Germantown nannte. Die 86. Straße war sein deutscher Boulevard: deutsche Geschäfte, deutsche Gasthäuser, deutsche Vereine. Kleindeutschland auf der Lower East Side und Germantown in Yorkville sind zwei verschiedene Viertel in zwei verschiedenen Zeiten — das eine das Viertel der Einwanderer, das andere das Viertel ihrer Kinder.
Dorthin zog auch der Liederkranz, und dorthin folgte diesem Haus 1977 die Burg der Brooklynia. Die Steubenburg an der 6 East 87th Street liegt einen Block von der 86. Straße entfernt.
Der Erste Weltkrieg und die Namen, die verschwanden
Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 wurde deutsch zu sein zum Verdacht. Schulen strichen den Deutschunterricht, Bibliotheken räumten deutsche Bücher aus den Regalen, Familien anglisierten ihre Namen. Am deutlichsten liest man es an den Namen, die auf Schildern und Briefköpfen standen:
- Die Hamburg Avenue in Brooklyn wurde zur Wilson Avenue.
- Das German Hospital in Manhattan heißt seither Lenox Hill Hospital.
- Das deutsche Ambulatorium, die German Dispensary, wurde zum Wyckoff Heights Hospital.
- Die Germania Life Insurance Company nannte sich Guardian.
- 1928 wurde die Avenue A oberhalb der 59. Straße zur York Avenue — nach einem amerikanischen Sergeanten, der im Krieg ein deutsches Maschinengewehrnest genommen hatte.
Und der Liederkranz, in dessen Haus die Brooklynia heute zu Gast ist, änderte 1919 nicht nur seinen Namen, sondern seine Vereinssprache: von Deutsch auf Englisch.
Was geblieben ist
Sichtbar geblieben ist vor allem ein Umzug. Seit 1957 zieht in New York die Steuben-Parade zu Ehren Friedrich Wilhelms von Steuben, des deutschen Generals der Kontinentalarmee; seit 1958 endet sie in Yorkville, mit Aufstellung an der 86. Straße, die man dort den German Boulevard nannte. Einen Block weiter liegt die Burg dieses Reyches, die seinen Namen trägt.
Und das Reych?
Kleindeutschland ist verschwunden, Germantown ist verschwunden, die Brauereien sind geschlossen, die Straßennamen sind ausgetauscht, und ein deutscher Gesangverein spricht seit 1919 Englisch. In diesem New York sippt die Schlaraffia Brooklynia seit 1894 ohne Unterbrechung auf Deutsch — durch beide Weltkriege hindurch bis heute. Mehr dazu auf der Seite Geschichte der Brooklynia und über das Haus auf der Seite Die Steubenburg.
Die stadtgeschichtlichen Angaben dieser Seite sind einzeln belegt; die Nachweise liegen dem Reych vor und werden auf Anfrage genannt. Zwei Hinweise zur Genauigkeit: Erstens wird der Name „Little Germany" gelegentlich auch für das Yorkville der 86. Straße gebraucht. Diese Seite trennt die beiden Viertel bewusst — Kleindeutschland ist das Viertel der Lower East Side, Germantown das spätere zweite Viertel in Yorkville. Zweitens sind die Opferzahlen des 15. Juni 1904 Schätzungen; die Zahl 1.021 ist die in der Literatur übliche. Zur Rolle dieses Reyches in der Stadtgeschichte steht hier nur, was aus der eigenen Überlieferung belegt ist. Stand: September 2026.